Wie Köln zu drei Herrschern kam, ohne eine Revolution anzuzetteln


Wer heute noch fest davon überzeugt ist, das Kölner Dreigestirn sei ein mittelalterlicher Brauch – irgendwo zwischen Minnesang, Mett und Mönchskutte entstanden –, der glaubt vermutlich auch, der Kölner Dom sei an einem verlängerten Wochenende hochgezogen worden.

Tatsächlich ist das Dreigestirn kein Geschenk aus grauer Vorzeit, sondern eine ziemlich frische Erfindung des frühen 19. Jahrhunderts. Entstanden nicht aus Volkswut, Mystik oder rituellem Kontrollverlust – sondern aus dem, was im Rheinland wirklich gefährlich ist: Ordnungswillen mit guter Laune.

Nach dem Ende der alten städtischen Ordnung der ehemaligen Reichsstadt Köln und den administrativen Umräumarbeiten durch Franzosen und Preußen blieb der Karneval für die Obrigkeit vor allem eins: ein Sicherheitsrisiko mit Trommel. Zu laut, zu wild, zu kölsch. Also griff man zur rheinischen Universalwaffe: Man gründete ein Komitee.

1823 zog zunächst ein einzelner „Held Carneval“ durch die Straßen – ein närrischer Alleinherrscher, gewissermaßen die One-Man-Show des Frohsinns. Aber Köln und Einzelpersonen? Das hält traditionell nicht lange. Schon 1824/25 machte man aus dem Solisten ein Trio. Mehr Schultern, mehr Zuständigkeiten, weniger Risiko. Willkommen im Dreigestirn.

Ab Mitte der 1820er Jahre sind Prinz, Bauer und Jungfrau sauber belegt. Alles davor ist Karnevalsnebel: romantisch, bunt – aber historisch ungefähr so belastbar wie Konfetti nach dem Rosenmontagszug.

Der Prinz durfte Monarch spielen – allerdings nur auf Zeit. Absolute Macht, aber mit festem Enddatum: Aschermittwoch. Ein Modell, das politisch durchaus Charme gehabt hätte.
Der Bauer erinnerte an die Wehrhaftigkeit der Stadt: Köln konnte sich früher selbst verteidigen – notfalls mit allem, was gerade greifbar war.
Und die Jungfrau? Das war Köln selbst, als Allegorie. Dass sie von einem Mann gespielt wurde, hatte nichts mit Zwang zu tun, sondern mit Karnevalslogik: Wenn schon Ordnung, dann bitte mit maximalem Rollentausch.

Das alles war erstaunlich nüchtern gedacht. Keine uralten Bräuche, kein mystischer Nebel – sondern politische Entspannung. Mit klaren Figuren ließ sich der Karneval lenken, kontrollieren und gleichzeitig als harmloser Spaß verkaufen. Man durfte über Macht lachen, solange man sie pünktlich wieder abgab. Preußen beruhigt, Kölner zufrieden. Win-win, rheinische Edition.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Figuren immer prächtiger, die Kostüme immer fantasievoller und die Tradition immer… erfundener. Historisch korrekt war wenig – aber historisch belegt ist: Es war allen egal. Hauptsache, es sah nach „schon immer so“ aus. Spätestens mit der Gründung des Festkomitee Kölner Karneval im Jahr 1888 war der Frohsinn endgültig durchorganisiert. Satzung drauf, Stempel drunter, Alaaf.

Das 20. Jahrhundert überstand das Dreigestirn erstaunlich zäh: gleichgeschaltet, wieder befreit, über Radio und Fernsehen verbreitet und schließlich zur offiziellen närrischen Regierung erhoben. Nach 1945 half es einer zerstörten Stadt, sich selbst wiederzufinden – mit Samt, Pappkrone und Pathos in Übergröße.

Heute ist das Dreigestirn wandelbar, diverser, reflektierter – aber im Kern immer noch dasselbe: kontrollierter Kontrollverlust. Eine perfekt geplante Ausnahmesituation.

Und genau das ist die Pointe:
Das Kölner Dreigestirn ist kein Relikt aus grauer Vorzeit, sondern eine ziemlich clevere Erfindung des 19. Jahrhunderts. Organisiert, durchdacht, politisch entschärft – und jedes Jahr aufs Neue gefeiert, als sei es direkt vom Himmel gefallen.

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